- Das ganze Publikum
ist doch postbarock
-
denn Sänger
Axel Köhler (44) fährt mit Erfolg
zweigleisig. An der Bayerischen Staatsoper war er in
Händels Rinaldo und Monteverdis
Poppea zu erleben. Letztere inszenierte er
2000 in Halle. Nach drei weiteren Barock-Projekten ist
Benjamin Brittens Sommernachtstraum nun
seine fünfte Regie. Premiere ist im
Prinzregententheater, David Stahl dirigiert das
Orchester des Gärtnerplatztheaters.
- Wollten Sie mit Britten
raus aus der Barock-Schublade?
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- Köhler: Das mit
dem Barock-Experten war eher ein Zufall. Ich wollte
als Regisseur, der vieles aus dieser Epoche selbst
gesungen hat, nie ein Spezialist dafür werden.
Der Sommernachtstraum" ist für mich auch
einfacher zu inszenieren, weil stringent eine
Geschichte erzählt wird. Man hat nicht, wie bei
einer barocken Arie, zwei Textzeilen mit sechs Minuten
Musik, die gefüllt werden wollen.
- Wenn Sie mit
Nachwuchs-Solisten arbeiten: Treten Sie als reiner
Regisseur auf? Oder als inszenierender
Gesangslehrer?
- Köhler: Ich sage
immer: Über die Körpersprache ergibt sich
sehr viel Gesangstechnisches. Ich kann an einer Stimme
wahnsinnig viel herumbasteln. Doch wenn der Mensch an
sich nicht stimmt, ist das vergeblich. Das habe ich an
mir selbst erfahren.
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- Heißt das, dass die
Hochschulen Derartiges
vernachlässigen?
- Köhler: Extrem
sogar. Es gibt wenige Schulen, die vom Körper zum
Gesang kommen. Gearbeitet wird vom Kopf bis zum Hals,
vielleicht noch ein wenig Gesangsstütze dazu, und
der Rest . . .
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- Waren Sie selbst immer so
spielfreudig? Oder ist der Knoten erst irgendwann
geplatzt?
- Köhler: Bei mir
war das immer schon so. Das hing damit zusammen, dass
ich als Bariton begonnen habe, damals keine sonderlich
begnadete Stimme hatte und daher ins Musical gesteckt
wurde. Da genoss ich ganz ausgiebigen szenischen
Unterricht. Meine erste Opernrolle war dann der
Papageno, und mein damaliger Lehrer hatte immer sehr
auf Körperlichkeit geachtet.
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- Manche sagen, sie
müssten viel spielen, damit sie beim Singen
locker sind.
- Köhler: Das
betraf meine Anfangszeit. Man neigt dazu, vor lauter
Aufregung verspannt zu sein. Es dauert eine Weile, bis
man so locker ist, dass man einen Liederabend ohne
Krampfgesten geben kann.
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- Haben's die Regisseure
mit Ihnen, mit einem singenden Kollegen,
schwer?
- Köhler: Da war
die Arbeit mit David Alden schön. Er macht
Andeutungen, wie eine Skizze auf einem weißen
Blatt, und die Farben darf man selbst ausprobieren.
Das kommt mir entgegen, weil ich als Sänger gerne
szenische Lösungen anbiete. Ich habe aber nie auf
etwas bestanden. Als Regisseur habe ich genaue
Vorstellungen. Bei Studenten, die noch nicht Herr
ihrer Mittel sind, muss man die Art der Umsetzung
erklären. Aber das macht die Sache ja
interessant.
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- Und wo lassen Sie den
Sommernachtstraum spielen?
- Köhler: Am
meisten habe ich mich mit dem Wald beschäftigt,
der das Stück bestimmt. Ein Märchenwald
wäre zu niedlich. Wir haben neun Baumstämme,
die einzeln versetzt werden und von innen heraus
leuchten, Äste ausfahren oder aufklappen
können. So kann ich ständig neue
Schauplätze aufbauen. Es gibt auch einen
assoziativen Mondstrahl: eine breite Treppe aus
Plexiglas, die für Lichteffekte geeignet ist. Und
unser Puck ist ein Schauspieler, der aus einer
Artistenfamilie kommt. Der bringt natürlich Tempo
in die Sache.
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- Nach welchen
Regie-Grundsätzen arbeiten Sie?
- Köhler: Meine
Bühnenbildner bekommen von mir klare Vorgaben,
weil ich als Sänger stets an die Machbarkeit
denke. Ich frage mich: Wie schaffe ich es, dass ich
dem Zuschauer Raum für Fantasie lasse? Und wie
kann ich in einem Bild alles spielen lassen, ohne dass
es unverständlich wird? Ich kann nichts damit
anfangen, wenn einer tausend Würfel auf die
Bühne stellt und die Sänger darin
herumlaufen lässt. Ich find's auch
sträflich, wenn die Akustik vernachlässigt
wird. Ein Rampensänger bin ich bestimmt nicht,
aber bei manchen Bühnenbildern bleibt nichts
anderes übrig, damit der Solist gehört wird
und Kontakt zum Publikum hält.
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- Ist es schwerer, mit
etablierten Sängern zu arbeiten, weil Studenten
ja formbarer sind?
- Köhler: Die
größte Herausforderung war mein eigenes
Ensemble in der Poppea". Die waren alle schon
da, als ich mit 24 in Halle als Wald- und
Wiesenbariton angefangen habe. Und dem
Seneca-Sänger zum Beispiel zu sagen, was er zu
tun hat - davor hatte ich schon 'n bisschen
Dampf.
-
- Woher kommt eigentlich
dieser Barock-Kult?
- Köhler: Unser
Zeitgeist ist ein ähnlicher. Die absolutistische
Barockzeit war eine Spaßgesellschaft. Diese
Unterhaltungssucht, dieses Formverliebte, dieses
Äußerliche, darin finden sich viele wieder.
Wenn ich in die Oper gehe, denke ich mirmanchmal: Das
ganze Publikum ist doch postbarock.
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Das Gespräch führte
Markus Thiel
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